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Pressemitteilung vom 09.02.2007

EU fördert Forschungsverbund zur Körperwahrnehmung mit zwei Millionen Euro - Koordination durch Otto-Selz-Institut

Mit den Grundlagen der Körperwahrnehmung und möglichen industriellen und klinischen Anwendungen befasst sich ein internationaler Forschungsverbund unter Koordination des Otto-Selz-Instituts für Angewandte Psychologie an der Universität Mannheim. Dem Psychologen Professor Dr. Rupert Hölzl und seinem Mitarbeiter PD Dr. Dieter Kleinböhl gelang es, für den Verbund „SOMAPS” von der Europäischen Union zwei Millionen Euro für den Zeitraum von drei Jahren einzuwerben. An dem Projekt beteiligt sind Forscher aus den Bereichen Psychologie, Neurowissenschaften, Physik, Informatik und Ingenieurwissenschaften. Mitglieder des Verbundes sind neben dem Otto-Selz-Institut das Institut für Technische Informatik an der Universität Mannheim (Prof. Dr. Reinhard Männer & Dr. Daniel Gembris), das Institut für Neuropsychologie und Klinischen Psychologie (Prof. Dr. Herta Flor) am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim, sowie die Universitäten Aalborg in Dänemark (Center for Sensory-Motor Interactions, Prof. Dr. Lars Arendt-Nielsen), Twente in den Niederlanden (Prof. Dr. Jan R. Buitenweg) und die Fernuniversität Madrid (Prof. Dr. Soledad Ballesteros).

Die Wissenschaftler möchten gemeinsam das Verständnis der Vorgänge vertiefen, die an der Wahrnehmung des eigenen Körpers beteiligt sind. Unter Verwendung von Hirnbildgebungsverfahren sollen neue Messmethoden und Auswertungsstrategien für die Untersuchung und Beschreibung der Körperwahrnehmung entwickelt werden. Die erwarteten Ergebnisse sind für vielfältige Anwendungen in Bereichen der Industrie und Medizin denkbar, beispielsweise für Produktdesign, Rehabilitation von Körperbehinderten oder Schmerztherapie.

Im Rahmen der EU-Ausschreibung „Measuring the Impossible” werden Projekte der Grundlagenforschung gefördert, welche die systematische Erfassung und Analyse komplexer Zusammenhänge zum Ziel haben. Durch die Entwicklung neuer Methoden sollen zugrunde liegende Vorgänge zugänglich werden, welche bisher nicht direkt messbar waren.

Die Wahrnehmung des eigenen Körpers basiert auf solchen komplexen Zusammenhängen, die unterschiedliche Erscheinungs- und Messebenen umfassen. So lassen sich zwar die äußeren physischen Bedingungen wie die räumliche Ausdehnung der Körperoberfläche oder die zeitliche Abfolge der auf sie einwirkenden Reize objektiv mit physikalischen Maßen bestimmen. Für die im zentralen Nervensystem ablaufenden Prozesse, die für die Weiterleitung, Verarbeitung und Wahrnehmung dieser „Reizkarten” verantwortlich sind, trifft dies schon weit weniger zu, weil sie der direkten Beobachtung nur eingeschränkt zugänglich sind. Das Resultat dieser Prozesse wiederum, unsere subjektive Wahrnehmung, ist uns selbst zwar direkt aus der Erste-Person-Perspektive zugänglich, aber nur schwer einer anderen Person zu vermitteln und mit objektiven Verfahren gar nicht zu messen.

Das übergeordnete Ziel des SOMAPS-Verbundes besteht aus zwei Stufen: Zunächst sollen Verfahren entwickelt werden, welche es erlauben, mit Hilfe von Wahrnehmungsexperimenten und Hirnbildgebungsstudien virtuelle Karten der subjektiven Wahrnehmung und der zugrunde liegenden Hirnprozesse zu gewinnen. In einem zweiten Schritt soll mittels mathematischer Modelle geklärt werden, wie die drei Ebenen des physikalischen Körpers, seiner Repräsentation im zentralen Nervensystem und seiner Entsprechung in der subjektiven Wahrnehmung miteinander verknüpft sind und wie sich Eigenschaften der einen Ebene aus denen der anderen herleiten lassen. Dies ermöglicht, auch ohne direkte Messung der Hirnaktivität Aussagen über die in ihm ablaufenden Prozesse zu treffen oder umgekehrt aus bestimmten Aktivierungsmustern im Gehirn Rückschlüsse auf die Wahrnehmung zu ziehen.

Neben einem wichtigen Beitrag zur Gehirnforschung ergeben sich eine Vielzahl möglicher Anwendungen in der Industrie und Medizin: Die Modellierung subjektiver menschlicher Beurteilungen erlaubt ihre direkte Vorhersage aus den physikalischen Reizen, die auf den Körper einwirken, und der ausgelösten Hirnaktivität. Auf diesem Weg kann die Entwicklung neuer Produkte beschleunigt werden, weil aufgrund der teilweisen Simulierbarkeit der subjektiven Urteile weniger aufwändige empirische Erhebungen hinsichtlich Akzeptanz von Form und Oberflächenbeschaffenheit durch den Konsumenten anfallen. So könnten beispielsweise individuell optimierte Autositze oder Rollstühle hergestellt werden. In der Medizin können die neuen Erkenntnisse und Methoden ebenfalls interessante Anwendungen finden, unter anderem in der Rehabilitation von Störungen der Körperwahrnehmung und des Körperbildes. Diese treten auf bei bestimmten psychischen Erkrankungen, aufgrund von Amputationen und neurologischen Störungen sowie in der plastischen Chirurgie.